Reflexionen zum Glocken-Projekt: "Seht ihr den Mond dort stehen ..."

Reflexionen zum Glocken-Projekt: "Seht ihr den Mond dort stehen ..."

Seht ihr den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön.
So ist’s mit manchen Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehn.
(Matthias Claudius)

Mond
Bildrechte: beim Autor

"Ist da etwas, auch wenn ich es mit meinen Sinnen nicht wahrnehmen kann?" Natürlich kann da etwas sein, auch wenn meine Sinne es nicht wahrnehmen, weiß unser Verstand. Manche gasförmige Substanz ist ja auch für den Menschen geruchlos und dennoch vorhanden. Die Schwingungen unserer Glocke, reduziert um den für das menschliche Ohr wahrnehmbaren Frequenzbereich werden nun vom 07.11.2019 bis zu 01.02.2020 täglich um 7 Uhr und um 18 Uhr vom Glockenturm aus in die Umgebung geschickt. Ist da etwas, auch wenn ich es nicht höre? Ja, da ist etwas. Ich weiß ja darum. Aber was löst es in mir aus?

Bilde ich mir ein, etwas zu hören, weil ich weiß: Da ist jetzt ein Lautsprecher im Glockenstuhl installiert und der sendet morgens um 7 Uhr und um 18 Uhr Frequenzen aus, die für mein Ohr, die vom Künstler Stefan Klein bewusst gewollt zu hoch und zu tief sind, als dass ich sie hören könnte.

Die Glocke der Barfüßerkirche, die nicht läutet – nach seinem ersten Besuch bei uns im Mai 2019 wählte Stefan Klein dieses als Ausgangspunkt für sein Kunstprojekt. Unterschiedliche Ideen standen am Anfang: Ein Muezzin oder dessen digitalisierter Ruf, der anstelle der Glocke vom Kirchturm ruft. Auffällige Außenlautsprecher, die den Klang der Barfüßerglocke hörbar ersetzen… Ich bin mir sicher, dass er mit einer solchen Herangehensweise stärkere Reaktionen ausgelöst hätte in der Stadtöffentlichkeit. Aber Stefan Klein hat sich schnell von diesen Ideen verabschiedet - aus konzeptionellen Gründen - und wählte stattdessen eine sehr bescheidene Geste, um auf das technisch bedingte Ausbleiben unseres Geläutes hinzuweisen und es in seinem Ausbleiben sogar noch zu unterstreichen. Eine solche Geste hat es naturgemäß schwer, wahrgenommen zu werden.

"Ist da etwas, auch wenn ich es mit meinen Sinnen nicht wahrnehmen kann?" In Bezug auf die Gottesfrage sind es zunehmend mehr Menschen, die diese für sich verneinen oder eine agnostische Position einnehmen. Ich beobachte als Pfarrerin zunehmend eine Haltung des Widerstandes gegen das Läuten von Kirchenglocken – sie stören die Ruhe, man argumentiert mit den Verordnungen des Emissionsschutzgesetzes und versucht, das Läuten von Kirchenglocken unterbinden zu lassen.

Gehört Glockengeläut einer Kirche noch zu unserer Alltagskultur? Wird es noch verstanden? Welche Funktionen hat das Läuten einer Glocke? Und wo hat es eigentlich seine Ursprünge…? Solche Fragen standen plötzlich im Raum. Das Läuten der Nachbarglocken nehme ich, auch wenn die Barfüßerglocke schweigt, nun wieder bewusster war und bin dafür dankbar.

Besonders intensiv war für mich dieses Erleben bei der Abschlusspräsentation am 07.11.2019. Wir versammelten uns gegen 17.45 Uhr in der Barfüßerkirche, wurden von Stefan Klein begrüßt und dann zum Hören eingeladen. Würden wir seine Installation wahrnehmen? Was würde sie auslösen? In die konzentrierte Stille hinein vernahmen wir nacheinander das 18 Uhr-Läuten mehrerer Nachbarglocken – vom Perlachturm, vom benachbarten Franziskanerinnenkloster "Maria Stern", vom Dom, von der Nachbarkirche St. Jakob. Als würden sie einander das Signal weitergeben, so wirkte das abwechselnde Hervortreten der unterschiedlichen Glockenklänge, denen ich selbst noch nie so bewusst meine Aufmerksamkeit geschenkt hatte wie an diesem Abend. Die Glocken markieren nacheinander und dadurch doch sehr prägnant das Ende eines Tages mit seinen Aktivitäten, läuten den Abend ein und damit den Übergang zur Nacht. Sie tun es miteinander. Das Morgen- und Abendläuten gab früher dem Leben und Zusammenleben einen gemeinsamen Rhythmus. Und es qualifiziert die Zeit als etwas, das mehr ist als ein träge vor sich hinfließendes Kontinuum. Wieder ist ein Tag vergangen, einer meiner Lebenstage, ein Tag aus Gottes Ewigkeit, mir anvertraute Lebenszeit mit Ihren Pflichten, Aufgaben, Begegnungen… Ein einmaliger und unverwechselbarer Tag, der zu Ende gehen muss und darf – hier und jetzt, in diesem Moment, an diesem Ort, wo ich den Klang der Glocke vernehme, ja in dieses Geschehen hineingenommen werde, ohne mich ihm entziehen zu können - und in meinem Fall auch nicht zu wollen. Das Läuten wird für mich zur "Atmosphäre", die sich über den Stadtteil legt.

Aber unsere Glocke bzw. die Schwingungen, die von der Installation ausgehen, und die man mit dem Ohr nicht wahrnehmen kann – werden sie auch zu einer Atmosphäre? Sie sind ja physisch präsent. Aber schaffen sie auch eine Atmosphäre im Raum,  zwischen Menschen, wenn sie nicht wahrnehmbar sind?

Oft gehe ich in die Kirche und lasse mich vom Christuskind segnen.
Das ist mir sehr wichtig.
(ein Mitglied unserer Gemeinde)

Bildrechte: beim Autor

Braucht Atmosphäre, damit sie entstehen und zur Anrede werden kann, nicht die Kommunikation mit dem Rezipienten, der sich zu dem, was ist, in Beziehung bringt, reagiert? Wie sonst stellt sich Transformation ein? Kann sie sich jenseits der sinnlichen Wahrnehmbarkeit überhaupt einstellen wie beim Betrachten etwa der Figur des "Barfüßer Christkindes" bei dem ein Mensch eine stärkende Veränderung erfährt? Oder haben wir unsere Feinsinnigkeit verloren in einer lauten, bilderreichen, mit Reizen und Informationen überfluteten Zeit? Ist die vielleicht überprägnant inszenierte Leerstelle eine Einladung, mit mehr zu rechnen und sensibler spüren zu lernen, als nur mit den fünf klassischen Sinnen?

Oder bleibt es beim Unterstreichen der Leerstelle? Das geschieht ja in doppelter Weise – dadurch, dass die Installation als solche den Fokus auf die schweigende Glocke richtet und dieses dann noch durch das Ausfiltern der mittleren Frequenzbereiche unterstreicht, anstatt es in Ansätzen aufzuheben.

Fragmente – seien es die Ruinen der Vergangenheit, seien es die Fragmente aus Zukunft – weisen über sich hinaus. Sie leben und wirken in Spannung zu jener Ganzheit, die sie nicht sind und nicht darstellen, auf die hin aber der Betrachter sie zu ergänzen trachtet. Fragmente lassen Ganzheit suchen, die sie selber aber nicht bieten und finden lassen.
(Henning Luther)

Fragment
Bildrechte: beim Autor

Ist das Schweigen der Glocke ein Makel? Unsere Kirche versteckt die Spuren ihrer Geschichte nicht. Sie ähnelt darin einem ungeschminkten Gesicht. Man sieht die Spuren, welche die Ereignisse der Zeit hinterlassen haben und dennoch, oder gerade das macht ihre besondere Schönheit und Erhabenheit aus – wie das Gesicht eines in und an seinem Leben gereiften Menschen, der gerade in seiner Einzigkeit eine Ausstrahlung und eine Würde hat. Das christliche Menschenbild bejaht, dass der Mensch nie vollkommen und nie perfekt ist, sondern seiner Vollendung ein Leben lang entgegengeht. So, wie nach Henning Luther (in Aufnahme eines Gedankens von Dietrich Bonhoeffer) jedes Fragment über sich selbst hinaus auf das Ganze verweist, so verweist jedes Menschenleben in seiner Individualität und Gebrochenheit auf Gott. Das Fragmentarische und Unvollkommene im eigenen Leben muss nicht geleugnet oder verdrängt werden. Es kann angenommen werden als Teil der eigenen Geschichte und Persönlichkeit. Eine Glocke die schweigt ist kein Makel, keine unbedingt und sofort zu schließende Leerstelle. Sie ist „Fragment“, eine von vielen Spuren des Krieges, der Zeit, die seither vergangen ist und ihre Spuren hinterlassen hat. Auch das hebt die Installation für mich erneut ins Bewusstsein.

Sind Sie sicher, dass Sie zu Hause den Backofen ausgemacht haben?
Wenn man zur Ruhe kommt, dann fallen einem manchmal wichtige Dinge ein…
(Entwurf eines Predigtanfangs zum Heiligen Abend 2019)

Barfüßerkirche Straßenbahn V2
Bildrechte: Martin Beck

In unserer Kirche gibt es jede Woche zahlreiche Gelegenheiten, im Schweigen zu verweilen – als Individualbesucher der Barfüßerkirche, die unter Tag offen zugänglich ist und dazu einlädt, oder bei Veranstaltungen wie dem Herzensgebet, dem Morgengebet, der christlichen Meditation am Montagabend oder beim Taizégebet. Da kommen wichtige Dinge an die Oberfläche und können in das persönliche betende Gespräch mit Gott hineingenommen werden. Diese Formen der gemeinsamen, gefüllten Stille hat Stefan Klein in unserer Gemeinde miterlebt. Beeindruckt hat mich, wie er bei seiner Abschlusspräsentation die Anwesenden dazu eingeladen und hingeführt hat, solche Momente mit ihm zu entdecken und auszuprobieren: In die Stille hinein und durch die Stille hindurch zu horchen, ob da noch etwas ist, was unsere Sinne so nicht wahrnehmen können. Als einzelner auf seinem Platz zu sitzen und zu schweigen ist etwas anderes, als wenn man dabei ganz eng beieinander sitzt. Jeder geht seinen eigenen inneren Weg, am selben Ort und zur selben Zeit unter denselben äußeren Bedingungen. Gemeinsam schaffen wir einen Raum mitten im pulsierenden Leben der Großstadt. Wir gehen anders, als wir gekommen sind.

Augsburg, im Dezember 2019
Pfarrerin Gesine Beck